Damit du dich in der riesigen Auswahl nicht verlierst: In 7 Schritten den richtigen Schlägel finden.
Posted in Frag dä Knaute
2. August 2020

Knautes kleine Schlägelkunde: In 7 Schritten zum richtigen Schlägel

Verloren im unübersichtlichen Schlägel-Dschungel?

Die Welt der Perkussion ist gross, wenn nicht sogar riesig oder noch grösser! Membranophone, Anschlagidiophone, Gegenschlagidiophone, Schrappidiophone, Schüttelidiophone, Tambourine, Schweizer Trommeln, Pauken, Schlagzeuge, Caxixi, Claves, Maracas, Cajons, Xylophone – und diverse weitere Buchseiten! Heute möchte ich allerdings über Schlägel schreiben. Somit bewegen wir uns im Bereich der Anschlagidiophone (Idiophon = Selbstklinger) und der Membranophone (Membranklinger, also Instrumente mit Fell). Der Einfachheit halber konzentrieren wir uns auf Schlagzeugschlägel, wobei viele der untenstehenden Ausführungen analog auf andere Instrumente anwendbar sind.

Damit du dich in der riesigen Auswahl nicht verlierst: In 7 Schritten den richtigen Schlägel finden.
Damit du dich in der riesigen Auswahl nicht verlierst: In 7 Schritten den richtigen Schlägel finden.

Grundsätzlich verfügt jedes Instrument über den/die passenden Schlägel – in der klassischen Musik gar beinahe jeder Schlag. Und in jedem einzelnen Schlägelbereich präsentiert sich uns eine riesige Auswahl an verschiedenen Modellen. Du stehst also im Musikgeschäft oder sitzt vor dem Bildschirm, lässt deinen Blick konzentriert von Modell zu Modell wandern und prüfst beinahe fachmännisch dessen Eigenheiten. Und ehe du dich versiehst, verlierst du dich in den zahlreichen Details, die jeden einzelnen Schlägel zum weltbesten machen. Dabei hast du längst vergessen, was du eigentlich suchst und was du dir davon erhoffst.

Welche Schlägeleigenschaften beeinflussen den Klang?

Wie kannst du diese Verwirrung im Überfluss verhindern? Dazu ein kurzer Exkurs zur Auffrischung deines Basiswissens. Du brauchst nämlich nicht zwingend dicke Fachbücher zu lesen oder teure Workshops zu besuchen, um für einen Schlägelkauf ausreichend gewappnet zu sein. Die folgenden Grundkenntnisse über Material und Aufbau eines Schlägels verschaffen dir ein Verständnis für die Einflussfaktoren auf den Klang. Der Rest ist Geschmackssache. Aber dazu kommen wir später.

Material: Holzarten für die Schlägelherstellung

Die meistverwendeten Hölzer in der Schlägelherstellung sind Ahorn, Hickory, Eiche und Hagebuche. Und nein, es gibt kein deutsches Wort für Hickory. Hickory (botanisch Carya NUTT.) ist einfach Hickory und wird zu Unrecht als übertriebener Anglizismus im Musik-Detailhandel abgetan. Für Tambouren Schlägel wird fast ausschliesslich Hagebuche (auch Hain- oder Weissbuche) verarbeitet.

Je härter das Holz, desto höher der Pitch (Tonhöhe). Einordnung der Hölzer nach ihrer Härte.

Grundsätzlich generieren harte Hölzer höhere Töne. Möchten wir die Holzarten deshalb nach ihrer Härte sortieren, so führt die harte, sehr steife Eiche die Liste an, gefolgt von Hickory und danach von Ahorn. Die Hagebuche verfügt für Schlagzeugschlägel kaum über Relevanz, weshalb sie auf unserer Grafik fehlt. Bezüglich ihrer Härte wäre sie am ehesten zwischen Hickory und Eiche einzuordnen.

Je härter das Holz, desto höher der Pitch (Tonhöhe).

Form: Gliederung eines Schlägels

Jeder Schlägel ist in Griff, Schaft und Kopf gegliedert. Im Netz findest du noch diverse weitere Unterteilungen, welche für das Klangverständnis jedoch kaum zielführender sind.

Gliederung eines Schlägels: Griff (Grip), Schaft (Shoulder, Taper, Neck), Kopf (Tip)
Gliederung eines Schlägels: Griff (Grip), Schaft (Shoulder, Taper, Neck), Kopf (Tip).

Der Griff unterscheidet sich hauptsächlich in seinem Durchmesser, welcher sich auf das Gewicht des Schlägels auswirkt. Ein schwererer Schlägel erfordert weniger Kraft, um dieselbe Lautstärke zu generieren. Anders ausgedrückt: Je mehr Gewicht auf das Fell trifft, desto lauter der Klang ohne zusätzlichen Aufwand seitens der Spielerin. Eine zunehmende Länge des Griffs führt ebenfalls zu einer gewissen Gewichtszunahme. Zudem verstärkt sich die Hebelwirkung (eine konstante Handposition am Schlägel vorausgesetzt).

Je schwerer der Schlägel, desto weniger Kraftaufwand für dieselbe Lautstärke.

Dieser Mechanismus wird zusätzlich von der Konstruktion des Schafts beeinflusst. Ein kurzer und/oder dicker Schaft macht den Schlägel insgesamt steifer und kopfbetonter. Je länger und dünner hingegen der Schaft ist, desto flexibler fällt der Schlägel aus – übrigens unabhängig von der Holzart.

Kurzer, dicker Schaft: steifer, kopfbetonter Schlägel. Langer, dünner Schaft: flexibler Schlägel.

Letztendlich wird der Klang eures Instrumentes massgeblich vom kleinsten Abschnitt des Schlägels, dem Kopf, mitbeeinflusst. Die gängigsten Formen Ball, Oval, Barrel oder Tear Drop und Acorn werden ergänzt durch eine Vielzahl von Variationen. Grundsätzlich gilt: je grösser die auf dem Fell auftreffende Fläche, desto „massiger“ der Klang. Es werden also mehr Mitten und Bässe und somit mehr Fülle erzeugt.

Die häufigsten Kopfformen: Je grösser die Aufschlagfläche des Kopfes, desto massiger der Klang.
Die häufigsten Kopfformen

Willst du also zum Beispiel einen sehr feinen, spitzigen, hellen Klang, passt ein Eichen-Schlägel mit ovalem Kopf. Möchtest du hingegen viel Masse mit warmem Klang, kommt unter anderem ein Ahorn-Modell mit Ball Tip in Frage.

Je grösser die Aufschlagfläche des Kopfes, desto massiger der Klang.

Warum brauche ich neue Schlägel?

Um den richtigen Schlägel zu finden, musst du dir erst im Klaren darüber sein, was du suchst. Der Weg zum „Was“ führt in diesem Falle über das „Warum“. Stell dir also zuerst die Frage, warum deine jetzigen Schlägel ihren Zweck nicht erfüllen. Versuche diese Gründe möglichst detailliert zu formulieren. Nachstehend findest du einige Anregungen und Beispiele.

Technisch formuliert:

  • Schlägel zu kurz, zu lang, zu leicht, zu schwer
  • Griff zu dünn, zu dick
  • Schaft zu kurz, zu lang
  • Kopf zu klein, zu gross, zu rund, zu spitzig, etc.

Bildlich formuliert (mein Gefühl beim Spielen):

  • Ich befürchte, dass mir die Schlägel aus der Hand fallen und muss sie deshalb mit aller Kraft festhalten.
  • Ich hab das Gefühl, einen Baumstamm in den Händen zu halten.
  • Gewisse Figuren gelingen mir bei steigendem Tempo nicht sauber. Sie klingen wie auf das Fell gepresst, bzw. ich muss sie „aufs Fell hinunterdrücken“.
  • Mir gefällt der Klang meiner Cymbals nicht (beim Ride am deutlichsten). Der Schlägel kommt nicht so zu mir zurück, wie ich es gerne hätte. Übrigens: Dass die Ursache beim Becken liegt, schliesse ich an dieser Stelle aus. Dazu wird allenfalls ein separater Blogpost folgen.

Der perfekte Schlägel

Zuerst sei angemerkt, dass es den perfekten Schlägel für die meisten von uns nicht gibt. Das ist nicht weiter tragisch – irgendwie muss die Schlägeltasche schliesslich voll werden. Ich persönlich spiele zurzeit drei Modelle, um im Gebrauch je nach Einsatztyp zu variieren:

  1. einen Konzert Snaredrum Schlägel aus Palisander (CITES III, mindestens drei Jahrzehnte alt!) für Wirbel und Akzentuierungen
  2. einen Set Schlägel (Vic Firth Peter Erskine) für Blasmusik, Bigband, etc. mit dem Schwergewicht Swing auf dem Ride (nicht zu aufdringlich im Klang, mit rundem Kopf)
  3. einen „2-und-4“-Rockschlägel (kürzlich gewechselt vom Pro Mark Stinger zum Los Cabos 5a Red Hickory) mit den Hauptattributen Langlebigkeit und Robustheit

In 7 Schritten zum richtigen Schlägel

1 Referenzmodell wählen

Oft unterschätzt wird die Bedeutung des Referenzmodells: Nimm immer ein Paar deines aktuellen Schlägelmodells mit zum Schlägelkauf (Übrigens auch beim Cymbalkauf sehr wichtig!). Es sollte relativ neu sein, um die individuelle Veränderung durch Abnutzung möglichst gering zu halten. Generell ist es empfehlenswert, immer mehrere Paare vom selben Modell spielbereit zu halten. Sie weisen in der Regel unterschiedliche Abnützungsgrade und -ausprägungen auf, was einer unbemerkten Gewöhnung an zu extreme Formveränderungen vorbeugt. Eine analoge Vorgehensweise wenden übrigens die Saxophonisten mit ihren Blättern an.

2 Problemfigur identifizieren.

Finde heraus, bei welcher Figur dir der alte Schlägel am meisten Probleme bereitet hat. Dies kann beispielsweise ein Rudiment, ein Beat oder ein Fill-inn sein.

3 Theoretische Vorauswahl treffen

Wähle anhand der obigen „Warum“-Überlegungen einige in Frage kommende Schlägel-Modelle aus.

4 Qualitätsprüfung

Achte auf die klassischen Qualitätsmerkmale: Ist der Schlägel gerade? Ist der Kopf sauber verarbeitet? Weist der Kopf grosse Fasern auf (führt zu einem Absplittern)? Minderwertige, schlecht verarbeitete Produkte sortierst du aus, bevor du zum nächsten Schritt weitergehst.

5 Direktvergleich

Spiele die Problemfigur zuerst mit deinem Referenzmodell und anschliessend mit dem neuen Modell. Wiederhole dieses Prozedere für jedes einzelne Paar deiner Vorauswahl. Achte unbedingt darauf, dass du unvoreingenommen bleibst! Lass dich weder von den Vorlieben deines Idols noch von den Standard-Werbetexten der Verkäuferin beeinflussen, sondern achte darauf, welcher Schlägel dir am meisten „mithilft“.

6 Finale

Falls du mehrere Paare als gleich gut beurteilst, wiederhole den Direktvergleich mit einer anderen Figur oder einem anderen Instrumentenbestandteil. So kannst du das zuvor auf der Snare gespielte Rudiment auf dem Ride oder einem Tomtom ausprobieren. Oder du löst dich vom Rudiment und wählst einen kompletten Groove, wie beispielsweise einen Swing. Wiederhole dieses Vorgehen, bis sich ein Schlägel herauskristallisiert, mit dem du alle Figuren ohne übermässigen Aufwand sauber spielen kannst.

7 Pair Matching Test

Überprüfe bei deinem auserwählten Paar durch abwechselndes Anschlagen beider Schlägel, ob beide gleich oder zumindest sehr ähnlich klingen. Du kannst zum Beispiel deine Scheitelregion als Schlagfläche benutzen. Unterscheiden sich die beiden Schlägel im Klang, kann dies zu einem tonalen Ungleichgewicht insbesondere bei leisen Rolls (Wirbeln) führen. Ist der Pair Matching Test hingegen bestanden, hast du dein neues Schlägelmodell gefunden!

Speichere die Grafik am besten auf deinem Mobiltelefon oder hefte sie an dein Pinterest-Board. Nun wünschen wir dir viel Spass beim Schlägelkauf und sind gespannt auf deine Erfahrungen. Teile sie in den Kommentaren!

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