Posted in Häsch gwüsst?
28. August 2020

Warum die Zarge kein Kessel und das Schlagzeug nicht zum Kochen geeignet ist

Drums, Cymbals und andere deutsche Wörter

Wir Perkussionistinnen, Tambouren, Schlagzeugerinnen und sonstigen Trommler machen es uns in manchen Dingen wirklich nicht leicht. Jedem Gitarristen dürfte klar sein, aus welchen Bestandteilen sein Instrument zusammengesetzt ist (Saiten, Decke, Boden, Hals,…). Benannt werden diese Komponenten üblicherweise in der lokalen Sprache. Im Gegensatz dazu gehören Drums, Heads, Cymbals und Stands zum Standard-Vokabular eines deutschsprachigen Schlagzeugers. Was ist eigentlich gegen Schlagzeug, Felle, Becken und Ständer einzuwenden?

Drums, Cymbals und andere deutsche Wörter

Dieser Anglizismus mag geschichtlich begründet sein. Zumindest legte William F. Ludwig mit der Entwicklung des ersten Pedals den Grundstein für das heutige „Drum Set“. Will man deshalb den Ursprung des Schlagzeugs den USA zuordnen und das Englische als eine Art „Originalsprache“ interpretieren, handelt es sich bei obengenannten Bezeichnungen um Eigennamen. Dieser Argumentation folgend gäbe es für Cymbals genausowenig eine deutsche Übersetzung wie für New York oder John F. Kennedy.

Soviel zu den Anglizismen. Erst recht verwirrlich wird es aber bei der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den einzelnen Bestandteilen des Schlagzeuges oder der Trommel:

Sind die Lugs nun Schrauben oder Spannböckli?

Wieso heissen die Spannreifen gleich wie ein Aufhängungssystem für Tomtoms („Rims“)? Oder sind das doch Hoops?

Bezeichnet der Tom Mount die Befestigung an der Trommel oder den Tomhalter?

Was ist was und warum?

Wie nennt man nun also den Hauptbestandteil einer jeden Trommel? Zarge? Kessel? Oder neudeutsch Shell? Lasst uns der Frage auf den Grund gehen und die eigentlichen Wortbedeutungen genauer beleuchten!

Zarge

Herkunft: mittelhochdeutsch zarge, althochdeutsch zarga „Seitenwand“

Definition: Seitenwand eines Saiteninstruments mit flachem Korpus, einer Trommel.


Korpus

Herkunft: lateinisch corpus „Körper“

Definition: Klangkörper / Resonanzkörper eines (Saiten-)Instruments.


Kessel

Herkunft: mittelhochdeutsch keʒʒel, althochdeutsch keʒʒil < lateinisch catillus „Schüsselchen“, Verkleinerungsform von catinus „Napf“, „flache Schüssel“

Definition: sehr grosser Topf, grosses Metallgefäss zum Kochen.


Shell

Übersetzung aus dem Englischen: Schale oder Hülle.

Es ist also gar nicht so schwierig, die korrekte Bezeichnung zu eruieren:

Frühstücksflocken-Test

Entferne sämtliche Felle von deinem Instrument und versuche, den Hauptbestandteil mit Frühstückscerealien zu füllen.

Gelingt dies, ohne dass deine Corn Flakes sich auf den Boden entleeren, handelt es sich um einen Kessel oder eine Schale (Shell).

Wenn nicht, dürfte Zarge die treffendste Bezeichnung für den Hauptbestandteil deines Membranophons sein.

Übrigens: Das Wort „Trommelkessel“ existiert laut Duden nicht.

Spielt es wirklich eine Rolle, wie ich meine Trommel Zarge nenne?

Keine Angst! Wir Trommelbauer sind kreative Köpfe und verstehen was ihr meint, auch wenn ihr „das Dings da“ sagt. Trotzdem handelt es sich um Zargen.

Schüsselchen

Wer will denn bitte auf einem kleinen Napf, einem Schüsselchen, einer Schale oder einer Hülle trommeln? Möchten wir den Kessel nicht lieber den Jägern und Heizungsmonteuren überlassen? Macht sich das „Schäleli“ nicht besser auf deinem Zmorgetisch als in eurem Übungsraum?

Der einzige Begriff, dessen Definition sich auf unser Instrumentarium bezieht, ist „Zarge“. Und umgekehrt versteht der Duden unter „Trommel“ ein Instrument mit zylindrischer Zarge.

Trommel: Schlaginstrument, bei dem über eine zylindrische Zarge aus Holz oder Metall an beiden Öffnungen ein [Kalb]fell gespannt ist und auf dem mit Trommelstöcken ein dumpfer Ton unbestimmter Höhe erzeugt wird.

Die Industrie macht es vor

Natürlich halten sich gewisse Menschen für schlauer als die alten Römer, den Duden und sämtliche Etymologen zusammen. Bestimmt kennst auch du diverse solcher Begriffsreferenzen.

„Bei XY nennen sie das Shells.“

„Man unterscheidet zwischen Schlagzeugkessel und Trommelzargen.“

„Der [Oberguru] sagt aber Korpus.“

„Mein Trommelbauer [gemeint ist ein gelernter Elektromonteur, der in seiner Garage Snares baut] sagt, beim Schlagzeug heisse das Kessel.“

Insbesondere auf die falsche Bezeichnung „Kessel“ treffen wir im deutschsprachigen Raum sowohl bei Vertrieben, Detailhändlerinnen, Endkunden und vereinzelt sogar bei Instrumentenherstellern. Amerikanische und britische Unternehmen sind natürlich entschuldigt. Im Englischen steht neben „Frame“ nur noch der Ausdruck „Shell“ zur Verfügung. Eine Übersetzung für „Zarge“ scheint nicht zu existieren.

Welche Bezeichnung hast du bisher benutzt?

Der Rest ist Geschmackssache. Du darfst die Fehler der Industrie und des Handels gerne imitieren. Falls du jedoch korrekte Bezeichnungen bevorzugst, sprichst du am besten von „Zarge“.

Genauso wie du die Bass Drum nicht Pauke nennst (Schlaginstrument mit kesselähnlichem Resonanzkörper und einer meist aus gegerbtem Kalbfell bestehenden Membran, bei dem die Töne mit zwei hölzernen Schlägeln hervorgebracht werden). Die Pauke ist ein einfelliges Instrument, die Bass Drum verfügt über deren zwei – dazu mehr in einem separaten Blogpost. Und die Becken (englisch Cymbals) sind keine Tschinellen, Täller, Tschingtschäng oder goldenen Teller.

Aber lass uns bei dem einen Wort bleiben, um das sich dieser gesamte Blogpost dreht: Zumindest was die Zarge anbelangt solltest du nun für die nächste Stammtisch-Diskussion gewappnet sein. Welchem Wort sollen wir als nächstes auf den Grund gehen? Schreib es in die Kommentare oder teile es mit uns auf Social Media!

Danke an Tijana Drndarski, Andrijana Bozic, John Matychuk, Felix Mittermeier und Ira Selendripity für die tollen Bilder!

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